Wie können Sie mit Lieferkettenstörungen umgehen?

Die Welt hat in den letzten Jahren historische Lieferkettenstörungen gesehen. Von Handelskriegen und Corona bis hin zu Halbleitermangeln und der Suezkanal-Blockade gibt es nur wenige Branchen, die nicht betroffen waren. Es gilt zu lernen, besser vorbereitet zu sein und flexibel zu bleiben.

Lieferkettenunterbrechungen

Herstellungsunternehmen hängen traditionsgemäß von ihrer Lieferkette ab. Wenn die Kette gut verwaltet wird, können Unternehmen höheren Gewinn einfahren. Wird sie das jedoch nicht, entstehen höhere Kosten und die Wettbewerbsfähigkeit geht verloren. Um das anzugehen, haben Lieferkettenexperten komplexe Modelle zur Verwaltung von Lieferketten entwickelt, die sich sehr stark auf schlanke Verfahren und JIT-Planung (Just-in-Time) konzentrierten. Das gesamte globale Lieferkettensystem wurde auf die niedrigsten Kosten und die optimiertesten Volumina abgestimmt, die direkt oder in die Nähe des Verwendungsorts geliefert wurden.

Die letzten paar Jahre haben das gesamte weltweite Lieferkettensystem jedoch ins Chaos gestürzt. Angefangen mit Tarif- und Handelskriegen, politischer Ungewissheit und anderen Ereignissen, wirkten sich diese Störungen auf noch nie dagewesene Weise auf die weltweite Lieferkette aus. Dem folgten der gewaltige Aufruhr der Pandemie und das Frachtdebakel im Suezkanal. Auf einmal wurden Schwächen in einer vermeintlich reibungslosen und stabilen globalen Lieferkette aufgedeckt.

Traditionelle Lieferkettenschwächen

Die meisten Unternehmen führten eine Neubewertung ihres globalen Lieferkettenmanagements jedoch nicht aufgrund einer Störung aus. Störungen in der Lieferkette gab es schon immer und die meisten Unternehmen hatten zumindest minimale Ausweichpläne, um sie anzugehen. In den letzten fünf Jahren haben die Anzahl und das Ausmaß der Störungen allerdings Schwächen in der Lieferkettenplanung aufgedeckt und viele Unternehmen dazu veranlasst, ihre Strategie zu überdenken. Das Ergebnis ist ein neu aufkommendes – und sich immer noch entwickelndes – Lieferkettenmodell, das auf der Annahme basiert, dass auf Großereignissen basierende regelmäßige Störungen verbleiben werden, anstatt ein Modell, das eine stets stabile Kette annimmt.

Ganze 76% aller Herstellungsunternehmen glauben, dass diese Schwächen allein von der Pandemie aufgedeckt wurden. Aufgrund dessen und anderer einschneidender Ereignisse plant der gleiche Anteil an Unternehmen, von seinen Lieferanten Änderungen zu fordern, um künftige Probleme sowie sie eintreten zu mildern. Zu diesen Schritten zählen eine höhere Diversifikation der Lieferantenbasis (45%), Konsolidierung oder Bewertung bestehender Lieferanten (16%), und eine Logistikbewertung, um verspätete Lieferungen und andere Leadzeitprobleme anzugehen.

Bei ihren Bemühungen, die richtige Strategiekombination zu finden, um ihr Lieferkettenmodell zu optimieren, gehen Herstellungsunternehmen unter anderem die folgenden Schwächen an:

1. Kostenfokussierung

In den letzten beiden Jahrzehnten ist das Lieferkettenmanagement immer kostengetriebener geworden. Es wurden Beschaffungsstrategien aufgestellt, um die kostengünstigsten Lieferanten zu finden, unabhängig davon, wo auf der Welt sie sich befanden. Weit verstreute Lieferketten wurden zum Standard, wobei viele Unternehmen ihre Rohstoffe aus China und anderen Teilen Asiens bezogen. Diese kostenfokussierte Strategie erwies sich als Schwäche während der Corona-Pandemie, da zu dieser Distanz die Pandemiemaßahmen vieler Länder hinzukamen, ähnlich wie bei Herstellern in westlichen Ländern. Mit Kosten als einzigem Faktor hatten zahlreiche Unternehmen entweder wenige oder gar keine Ersatzlieferanten.

2. Abhängigkeit von schlanken Verfahren

Da Lieferketten als grundsätzlich stabil gesehen wurden, griffen viele Fachkräfte und Manager auf schlanke Verfahren zurück, um ihre Lieferkette zu verwalten. Schlankheit war zwar entscheidend, um die Effizienz zu erhöhen und Abfall zu reduzieren, erwies sich jedoch als weniger effektiv in einer störungsanfälligen weltweiten Wirtschaftslage. Nachfrage, Kapazität, Arbeit, Bestand und viele andere Bereiche, die mit schlanken Verfahren arbeiteten, wurden durch diese Störung schwer beeinflusst und brachten Unternehmen in die Bredouille.

3. Lineare statistische Analysen

Traditionelle Lieferkettenmethoden waren in vielen Unternehmen außerdem statistisch linear. Obwohl viele ein MRP-System und Nachfrageplanung eingeführt hatten, um den Betrieb besser verwalten zu können, fand immer noch viel auf Tabellen basierende Planung statt, die sich auf langsame und fehleranfällige menschliche Analysen verließ. Transaktionelle Daten wurden demnach häufig sequenziell von einer Abteilung in die nächste weitergeleitet. Das Konzept einer wechselseitigen, dynamischen Lieferkette, bei der Daten geteilt werden, wurde nicht erwartet.

4. Datenfragmentierung

Nur wenige Probleme zeigen die grundsätzlichen Schwächen traditioneller Lieferkettenmodelle besser auf als fragmentierte Daten. Da viele Unternehmen in Sachen digitaler Transformation immer noch hinterherhinkten und entweder manuelle oder getrennte Softwaresysteme mit wenig Interfunktionsfähigkeit betrieben, waren Daten in Silos und nicht für jeden innerhalb der Kette zugänglich oder verständlich. Dies verhinderte, dass anspruchsvolle Analysen angewendet werden konnten, um zu verstehen, wie jedes Glied der Kette sich auf das andere verließ. Da dieses System außerdem einseitig war, konnten Unternehmen auch keine automatisierten Lösungen in einem dynamischen System anwenden.

Der Einfluss von Störungen auf Lieferketten

Nachdem diese Schwächen offensichtlich wurden, wirkte sich jede neue Störung gravierend auf jedes Lieferkettensegment aus. Zu diesen Auswirkungen zählen:

Instabile Lieferanten

Die Lieferkettenstörungen der letzten Jahre waren oft eher global als regional. Hersteller hatten es demnach mit noch nie dagewesenen Instabilitäten bei ihren Lieferanten zu tun, während die Lieferanten mit den gleichen Störungen zu kämpfen hatten. Es ging nicht länger darum, schnellere oder umgeleitete Versandrouten zu finden; alles kam komplett zum Stillstand. Langfristige Beziehungen wurden auf den Kopf gestellt. Viele Produzenten fanden sich ohne Ersatzlieferanten wieder, was einen harten Kampf um den verfügbaren Bestand von anderen Quellen oder sogar Stilllegungen in einigen Herstellungssegmenten verursachte.

Rohstoffkosten

Herstellungsunternehmen waren schon immer bestrebt, ihre Rohstoffkosten zu kontrollieren. In den letzten Jahren ging es jedoch nicht einfach nur um eine Dezimalpunkt-Marge zwischen dem niedrigsten und den zweitniedrigsten Preis. In vielen Fällen ging es um keine Verfügbarkeit gegen Verfügbarkeit zu untragbaren Kosten, weshalb viele Unternehmen vorübergehend zumachten, anstatt Waren zu Preisen zu produzieren, die der Kunde nicht tragen würde.

Produktionskosten

Störungen in der Lieferkette beeinflussen auch die Produktionskosten. Sowohl direkte als auch indirekte Kosten sind in den letzten Jahren gestiegen, während Unternehmen mit Fehlmengen, Verkaufen vom Homeoffice, Kundendienstpersonal und Corona-bedingten Schließungen und Maßnahmen zu kämpfen hatten.

Cashflow

Viele Unternehmen haben aufgrund der Störungen Probleme bei ihrem Cashflow verzeichnet. Da die Annahme einer stabilen Lieferkette langfristige Verträge zu hohen Volumina über längere Lieferzeiträume bedeutete, fanden Unternehmen das für die Umstellung der Produktion auf gewinnbringendere Produkte benötigte Kapital in Waren gebunden, die viel längere Lieferzeiten hatten.

Schritte für den Umgang mit Lieferkettenstörungen

Um die negativen Auswirkungen von Störungen innerhalb der Lieferketten zu mildern, müssen Hersteller neue Strategien anwenden – deren Komponenten jedoch allesamt Gegenteile der Annahmen der letzten zwanzig Jahre sind. Das bedeutet, dass Entscheidungen und Tradeoffs gefunden werden müssen, um den Produktionsbetrieb auf die gewinnbringendsten Produkte zu optimieren. Es bedeutet auch, dass größere Nachfrageschwankungen eingeplant werden müssen, auf die die Produktion schnell reagiert.

Um das zu erreichen, müssen Unternehmen so viel wie möglich automatisieren. So können sie Produktionsdaten bestmöglich nutzen, um sich weg von einer an schlanken Verfahren orientierten Lieferkette hin auf ein agiles und widerstandsfähiges MRP, Planungssoftware und S&OP-Prozesse zu bewegen, um Silos zu durchbrechen und eine komplette Sichtbarkeit der Lieferkette und ihres Einflusses auf die Produktion einzuführen. Durch Anwendung dieser Tools können Unternehmen wechselseitige, transparente und dynamische Lieferketten schaffen, die mit MRP- und ERP-Software arbeiten, um sich schnell anzupassen.

Zu den Schritten, Lieferkettenstörungen zu verwalten, zählen:

1. Bekannte Risiken verwalten

Wenngleich niemand alle Bedrohungen vorhersehen kann, ist es durchaus möglich, Bereiche der Lieferkette auszumachen und zu bewerten, wo diese Bedrohungen auftreten. Diese Problembereiche lassen sich in die Lieferkettenmanagementpraktiken integrieren und detailliert in der Produktionsebene anwenden. Zu wissen, wie in einer Krise reagiert werden muss, kann Gewinn sparen und hohe Produktionskosten während Störungen gedeckelt halten.

2. Bestandsoptimierung überdenken

Lieferkettenbestandsoptimierungen sind fast schon Synonym für schlanke Denkweisen geworden. Es wurde jedoch klar, dass zusätzlicher Sicherheitsbestand nötig sein könnte. Strategien zur Bestandsoptimierung können auch die Regionalisierung von Lieferanten durch mehrere Anbieter umfassen, anstatt sich auf einen einzigen kostengünstigen Lieferanten zu verlassen.

3. Lieferantendistanz überprüfen

Viele Herstellungsunternehmen berücksichtigen die Entfernung zwischen ihren Produktionseinrichtungen und ihren Lieferanten. Trotz der höheren Kosten haben viele Unternehmen damit begonnen, zu lokalen oder regionalen Bezugsquellen zu wechseln. Eine weitere effektive Strategie wäre „Nearshoring“, wobei Rohstoffe in China oder Asien gekauft und dann in die Nähe der Produktion gebracht werden, wie etwa Mexiko für die USA.

4. Nachfrage verwalten

Die Nachfrage zu verwalten ist heute einfacher denn je. Es gibt Planungssoftwares, die mit MRP- und ERP-Systemen kompatibel sind und Nachfragetrends aufspüren und erkennen können. Anschließend lassen sich automatisierte Lösungen anwenden, um Rohstoffbestellungen je nach Bedarf zu korrigieren.

5. Agile Planung anwenden

Software kann außerdem bei agilerer und dynamischerer Planung unterstützen. MRP-Systeme von heute haben dynamische Stücklisten sowie Funktionen für den Fertigungsbereich, Aufträge, Kapazität und vieles mehr. Analysen und präzise Softwaredaten können Herstellern helfen, „Was-wäre-wenn“-Szenarien aufzustellen, um im Bedarfsfall auf Ausweichpläne zurückzugreifen.

Die Anwendung von Daten, um Lieferkettenstörungen zu verwalten

Obwohl einige Störungen in gewisser Form bestehen bleiben werden, stehen Herstellungsunternehmen Tools zur Verfügung, mit denen sie deren Einfluss reduzieren und vorausplanen können. Unternehmen müssen sich jedoch darüber im Klaren sein, dass menschliche Analysen, Tabellen und verbale Abmachungen im heutigen Lieferketten- und Produktionsumfeld nicht mehr taugen. Stattdessen kann eine Cloud-basierte Fertigungssoftware Prozesse auf Fabrikebene mit fortschrittlichen ERP-und MRP-Plattformen optimieren, während Nachfrage- und Angebotsplanungssoftwares bei der Verwaltung der Lieferkette helfen können. Die Ausarbeitung intelligenter und wohlüberlegter Schritte, um neue Lieferkettenstrategien aufzustellen, kombiniert mit der Nutzung von Daten durch den Einsatz der klassenbesten Software kann jedem Herstellungsunternehmen helfen, mit Störungen umzugehen und weiterhin erfolgreich zu bleiben.

Die wichtigsten Schlüsselpunkte

  • Bis heute hat sich das Lieferkettenmanagement entwickelt, um minimale Kosten und optimierte Volumina zu erreichen.
  • Die letzten paar Jahre haben jedoch massive Störungen in die Lieferketten und in die vorherrschende Lieferkettenmanagement-Denkweise gebracht.
  • Die neuesten großen Störungen haben Schwächen in den Lieferketten von Fertigung und Vertrieb aufgezeigt, wie eine zu hohe Kostenfokussierung, die Abhängigkeit von Just-in-Time-Lieferungen, lineare Analysemethoden und den Einsatz von fragmentierten Daten.
  • Wegen dieser Schwächen hatten die letzten globalen Störungen so massive Auswirkungen auf die Lieferantenstabilität, die Rohstoff- und Produktionskosten und den Cashflow vieler Unternehmen.
  • Wenngleich viele Lieferkettenstörungen nur schwer vorauszusehen sind, ist es immer möglich, sich auf sie vorzubereiten. Zu den hierfür nötigen Schritten zählen: Bekannte Risiken verwalten, Bestandsoptimierung neu bewerten, Lieferantendistanz überprüfen, Nachfrage verwalten und bessere Planungspraktiken anwenden.
  • Ein ERP / MRP-System ist ein großartiges Werkzeug für das grundlegende Management Ihrer Lieferkette und um bei Störungen flexibel zu bleiben.

Ihnen könnte ebenfalls gefallen: Beschaffungsmanagement – Ein kurzer Leitfaden für kleine Herstellungsunternehmen