Bestandsbewertungsmethoden – Die Wahl des richtigen Ansatzes

Für die Finanzabteilungen von Produktionsunternehmen sind nur wenige Dinge so wichtig wie die Bestandsbewertung. Aufgrund ihrer Auswirkung auf den Bruttogewinn des Unternehmens ist die Wahl der richtigen Bestandsbewertungsmethode ein entscheidender Schritt, um die finanzielle Gesundheit Ihres Unternehmens sicherzustellen.

Bestandsbewertungsmethoden

Was ist Bestandsbewertung?

Die Bestandsbewertung ist ein Buchhaltungsverfahren, das den monetären Wert von unverkauftem Lagerbestand festlegt. Die verschiedenen Methoden der Lagerbewertung werden normalerweise ausgewählt basierend darauf, wie der Bestand im Fertigungsprozess eingesetzt wird, und kann viele finanzielle Variablen eines Unternehmens beeinflussen. Da Buchhaltung und Bestandsbewertung im Unternehmensmanagement eng miteinander verbunden sind, werden die verschiedenen Techniken manchmal auch Bestandsbuchhaltungsmethoden genannt.

Der Wert, der dem Bestand eines Unternehmens zugewiesen wird, kann sich direkt auf den Bruttogewinn auswirken. Außerdem beeinflusst er die Besteuerung des Unternehmens und informiert Stakeholder (wie Aktionäre, Eigentümer oder Partner) über den wahren Wert der Umsatzkosten in einer bestimmten Periode. Die Umsatzkosten – die gesamten Kosten eines Produkts, während es innerhalb eines Zeitraums verkauft wird – haben ein umgekehrtes Verhältnis mit dem Bruttogewinn. Erhöhen sich die Umsatzkosten eines Unternehmens, sinkt der Bruttogewinn und umgekehrt. Wie der Wert des Bestands berechnet wird, kann sich auf beide Werte auswirken.

Bestandsbewertungsprozess

Der grundlegende Fluss der Bestandsbewertungsberechnung ist relativ simpel. Ein Unternehmen beginnt seinen Buchhaltungszeitraum mit einem Anfangsbestand, der in Geldeinheiten ausgedrückt wird. Wenn Nettokäufe für die Periode hinzukommen, wird der Gesamtwert als Summe namens verkaufsfähige Güter ausgedrückt – sprich die Gesamtmenge an Produkten oder Bestand, die das Unternehmen innerhalb des gegebenen Zeitraums verkaufen kann. Am Ende der Periode werden die verkaufsfähigen Güter in zwei Kategorien aufgeteilt – Endbestand und Umsatzkosten.

Es muss große Sorgfalt angewandt werden, um Umsatzkosten und Endbestand richtig zuzuteilen, weil sie an verschiedenen Stellen in den Aufzeichnungen eines Unternehmens aufgeführt werden. Die Umsatzkosten werden von den Verkäufen abgezogen, um den Bruttogewinn des Unternehmens zu erhalten. Dieser Wert wird dann in der Erfolgsrechnung gemeldet. Der Endbestand hingegen wird in der Bilanz des Unternehmens angeführt und als aktueller Vermögensposten gesehen.

Verschiedene Bestandsbewertungsmethoden

Unterschiedliche Unternehmen berechnen ihre Bestände auf unterschiedliche Weisen. Die Art der Bestandsbewertungsmethode kann sich erheblich auf die Buchhaltung eines Unternehmens auswirken. Die Wahl der Methode kann auf mehreren Faktoren basieren und es ist nicht unüblich, dass ein Unternehmen seine Methode je nach Marktsituation ändert. Allgemein sollte ein Unternehmen die Methode wählen, die zu einer gegebenen Zeit am besten für seine finanzielle Gesundheit, seine Geschäftsstrategie und seine langfristigen Ziele ist.

Zum Beispiel könnten Unternehmen, die teure Verkaufsartikel herstellen und steigende Kosten befürchten, eine Methode wählen, die ihr zu versteuerndes Einkommen verringert, während andere Unternehmen eine starke Bilanz erhalten möchten, um neue Investoren anzulocken oder für wichtige Investitionsfinanzierungen infrage zu kommen.

Da jedes Unternehmen ein bisschen anders ist und jede Methode zu anderen Ergebnissen führt und unter anderen Situationen geeignet ist, ist es entscheidend, die richtige Methode für die einzigartigen Bedürfnisse des Unternehmens zu wählen. Zwar gibt es viele verschiedene Bestandskalkulationsmethoden, doch wir konzentrieren uns im Folgenden auf die gängigsten – FIFO, LIFO, WAC, SE und FEFO.

First In, First Out (FIFO)

Das Konzept hinter FIFO ist simpel – ein Unternehmen verwendet seine ältesten Güter zuerst. Da Preise für Bauteile und anderen Bestand mit der Zeit steigen könnten, bedeutet FIFO, dass der Endbestand höher bewertet wird, da die Bewertungskosten für Einzelposten höher sind. Das übersetzt sich in niedrigere Umsatzkosten und damit einhergehend in einen höheren gemeldeten Bruttogewinn – was wiederum ein höheres zu versteuerndes Einkommen bedeutet.

Das FIFO-Bestandsmanagement ist simpel und kann sowohl manuell als auch mit einem MRP-System gemanagt werden, je nach Größe des Unternehmens. In kleinen und mittelgroßen Unternehmen lässt sich die FIFO-Methode oft manuell verfolgen und dann leicht in ein MRP- oder ERP-System für KMUs übertragen. FIFO kann auch eingesetzt werden, um finanzielle Anforderungen zu erfüllen, je nachdem, ob das Unternehmen diskrete Fertigung oder Prozessfertigung betreibt.

Viele kleine Prozessfertigungsunternehmen verlassen sich auf „faktorierte“ Finanzierung – eine Art Brückenfinanzierung, bei der das Unternehmen kurzfristige Gelder erhält (Wochen oder ein paar Monate), um seinen Cashflow zu decken, sollten Einzelhändler für ihre Waren lange Zahlungsbedingungen haben. In Fällen, wo Factoring oder kurzfristige Brückenfinanzierungen eingesetzt werden, wird oft festgelegt, dass der Betrag an kurzfristigen Geldmitteln, die gegen Verbindlichkeiten geliehen werden können, nur bis zu 80-90% der Bestandsgüter betragen darf, die 180 Tage oder weniger alt sind. Das macht FIFO oft zur besten Wahl für KMUs mit schwierigem Cashflow.

MRPeasy-Bestandsbewertungsmethoden
In MRPeasy werden Bestandsbewegungen automatisch zusammengestellt, damit Anfangs- und Endbestand leicht eingesehen werden können.

Last In, First Out (LIFO)

LIFO ist das Gegenteil von FIFO und bedeutet, dass der Wert des Bestands als das Ergebnis ausgedrückt wird, die neuesten Güter zuerst zu verkaufen. Die LIFO Bestandsbewertungsmethode nimmt an, dass die Kosten der neuesten gekauften Artikel die ersten sind, die den Umsatzkosten zugewiesen werden. Der Hauptvorteil ist, dass der Bruttogewinn in der Erfolgsrechnung des Unternehmens geringer ausfällt und demnach die steuerlichen Verbindlichkeiten fallen, da das zu versteuernde Einkommen ebenfalls niedriger ist.

Die Besteuerung ist jedoch nicht der einzige Vorteil. LIFO kann außerdem als Hedge gegen Inflation eingesetzt werden. In unsicheren Zeiten oder in Märkten mit schwankenden Preisen bedeutet LIFO, dass Unternehmen ihre Umsätze an die aktuellsten Kosten anpassen können, wodurch sie Preisschwankungen besser verwalten können. Der Einsatz der LIFO Bestandsbewertungsmethode bedeutet außerdem, dass ein Unternehmen weniger Abschreibungen machen muss.

Gewichtete Durchschnittskosten (WAC)

WAC sind ein Kompromiss, bei dem die Kosten von Fertigwaren durch die Anzahl an verkaufsbereiten Bestandseinheiten geteilt werden. Ein Produzent kann die gewichtete Durchschnittskostenmethode aus mehreren Gründen wählen, zum Beispiel in Situationen, wenn er wenige Variationen in seinem Bestand hat. Das gilt sowohl für Prozessfertiger und diskrete Fertiger, wie etwa Fabriken, die nur ein einziges Produkt herstellen, eine begrenzte Serie einer bestimmten Produktart in hohen Mengen absetzen oder ein gebautes Produkt mit wenigen Variationen produzieren.

WAC würde sich außerdem gut in Situationen eignen, wenn die Systeme und Prozesse eines Unternehmens nicht optimiert sind, FIFO und LIFO zu verfolgen. KMUs, die noch wachsen und deren Mitarbeiter viele Hüte gleichzeitig aufhaben, könnten die Einführung von WAC einfacher und es als völlig ausreichend für ihre Bestandsbedürfnisse finden.

Ein dritter Grund für WAC als gute Wahl für bestimmte Hersteller wäre in Fällen, in denen der Bestand stark kommodifiziert ist und die Kosten pro Einheit nur sehr schwer oder gar unmöglich einzelnen Bestandsartikeln zugewiesen werden können, wenn die Unterschiede bei den Artikelkosten zu klein sind, als dass sie statistisch relevant wären, oder wenn alle Lieferanten sehr ähnliche Preise anbieten.

WAC kommt oft in Branchen zum Einsatz, wo Artikel stark vermischt sind und die Kosten sich nicht pro Einheit aufteilen lassen. Die WAC-Methode würde zum Beispiel einen guten Hinweis auf den Bestandswert für einen Zahnstocherhersteller liefern. Die Geschwindigkeit des Herstellungsprozesses, die unzuverlässigen Eigenschaften von Holz wie kleine Größen und die Möglichkeit von Splittern, Bruch und anderen Problemen im Fertigungsprozess würden die Berechnung des Bestandswerts pro Einheit schließlich unnötig kompliziert machen.

Specific Identification (SE)

Die Specific Identification Methode ist in gewisser Hinsicht das Gegenteil von WAC und eine gute Wahl, wenn der Bestandswert so genau wie möglich berechnet werden muss. SE erfordert, dass alle Einkäufe von Bestandsartikeln und ihre Preise einzeln verfolgt werden müssen, anstatt gruppiert zu werden. Wenn Lose auf diese Weise verfolgt werden, ist eine hohe Genauigkeit bei Bestandskostenkalkulationen möglich, was nützlich ist, wenn der Bestand beispielsweise aus vielen einzigartigen hochwertigen Artikeln besteht. Die SE-Methode wird hauptsächlich von KMUs verwendet, die hochwertige, kundenindividuelle oder einzigartige Güter herstellen, und ist leicht durch konventionelle oder Software-basierte Bestandsmanagementsysteme verwaltbar.

First Expired, First Out (FEFO)

Auch wenn es eine Reihe an weitaus spezifischeren Bestandsbewertungsmethoden gibt, betrachten wir uns zu guter Letzt FEFO oder First Expired, First Out. FEFO ist eine notwendige Wahl für Produzenten mit hohem Volumen und hochschnellen Prozessen, die verderbliche Güter herstellen – sprich Artikel mit einem Haltbarkeitsdatum. Die schließt beispielsweise Milchprodukte, Fleisch, Arzneimittel und andere Verbrauchsgüter ein, die vor einem bestimmten Datum verzehrt werden müssen. FEFO ähnelt FIFO sehr, außer dass das Leitprinzip hier lautet, das Ablaufdatum von Artikeln heranzuziehen, anstatt ihre Aufnahme in den Bestand, um zu bestimmen, welche Artikel zuerst verwendet werden.

Ein Produzent von Milchprodukten könnte beispielsweise Käse mit einem Haltbarkeitsdatum von vier Wochen herstellen und Milch, die bereits nach ein paar Tagen abläuft. Das Ablaufdatum muss also bedacht und verlorener, verdorbener Bestand wegen schlechter Verkäufe in der Buchhaltung berücksichtigt werden.

Die Wahl der richtigen Methode

Auch der Ort, an dem ein Produkt hergestellt wird, kann die Wahl der Bestandsbewertungsmethode beeinflussen. Unternehmen, die in den USA produzieren, befolgen beispielsweise Buchhaltungsverfahren gemäß der Generally Accepted Accounting Principles (GAAP). In den meisten anderen Ländern hingegen müssen bei der Wahl der Bestandskalkulationsmethode die International Financial Reporting Standards (IFRS) angewandt werden. Die GAAP-Bestandsbewertungsrichtlinie lässt FIFO, LIFO, SE und WAC zu, während die IFRS FIFO, SE und WAC anerkennen. Es gibt noch weitere Unterschiede, zum Beispiel wie der Bestand dokumentiert wird. Unter den IFRS muss der Bestand als die Kosten oder der realisierbare Nettowert dokumentiert werden, je nachdem, welcher Wert niedriger ist, während die GAAP Kosten oder Marktwert anerkennt, je nachdem, was geringer ist.

Die gewählte Bestandskalkulationsmethode sollte an die bestimmten Bedürfnisse des Unternehmens angepasst sein. Natürlich beeinflusst der Standort die Entscheidung, doch der Besteuerungsgrad innerhalb eines Landes, die Schwankungen oder die Volatilität der Preise auf dem Markt, die Größe und Art des Produkts, die Kosten pro Einheit und andere Faktoren müssen ebenfalls berücksichtigt werden. Für welche Methode sich ein Unternehmen auch entscheidet, wäre es immer eine gute Idee sicherzustellen, dass sich die Methode leicht in die MRP/ERP-Software des Unternehmens einführen lässt.

Die wichtigsten Schlüsselpunkte

  • Die Bestandsbewertung ist ein Buchhaltungsverfahren, das den monetären Wert von unverkauften Bestand festlegt.
  • Unterschiedliche Unternehmen berechnen ihren Bestand auf unterschiedliche Weisen. Die Art der eingesetzten Bestandsbewertungsmethoden kann sich erheblich auf die Buchhaltung des Unternehmens auswirken.
  • Die Wahl der richtigen Bestandsbewertungsmethode für die einzigartigen Bedürfnisse des Unternehmens ist entscheidend, da Bestandsbewertungsmethoden an verschiedene Produktionspraktiken angepasst sind.
  • Die fünf gängigsten Bestandsbewertungsmethoden sind FIFO (First In, First Out), LIFO (Last In, First Out), FEFO (First Expired, First Out), gewichteter Durchschnitt und Specific Identification.

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